I VISIT THERE - Einblicke Israel/Palästina 2010:  

  •  Picknick und Unterdrückung in Jenin
  •  Sheikh Jerrach, Jerusalem
  •  Tagebuch vor Ort zum Tode von Juliano Mer Khamis    Jenin/Ramallah, April 2010

 

 

Picknick und Unterdrückung - Jenin, Mai 2010


In Palästina sind die Freitage die Sonntage. Man weiß es natürlich, aber es ist überraschend schwer, sich daran zu gewöhnen. In Jenin bedeutet das, daß die Belegschaft des Theaters und deren Familien zusammen essen draußen mit Grill, wenn möglich. Wir, die Besucher, sind diesmal zu einer solchen Zusammenkunft eingeladen, ohne die Schüler und hoch oben in den Hügeln über Jenin, im Norden der besetzten Gebiete.


Das Picknick ist wirklich sehr beeindruckend, der Grill zwei Meter lang und die lange Aussicht über das Tal liegt da wunderbar unwirklich zwischen den geraden Bäumen. Als wir ankommen, sind mehrere Frauen damit beschäftigt, Fleisch vorzubereiten und viele Schüsseln mit den verschiedensten Gemüsen und Soßen, alles ausgebreitet auf einer bunten Deckenlandschaft. Die Männer heizen den Grill und spielen mit den Kindern. In Autos, Taxis und zu Fuß kommen immer mehr Leute an, bei uns und auch an den anderen Picknickinseln ein Stück weg von uns ‐ ein typischer Freitag hier oben. 

Dieser Hügel war bis vor zwei Jahren von jüdischen Siedlern besetzt, davon gibt es jetzt nur noch wenige Spuren. Die Israelis haben alles mitgenommen, was sich transportieren ließ. Wenn noch etwas vom Haus übrig ist, dann sind es die Eingangstreppen, die jetzt hoch führen in das komische Baumgemisch hier oben.

Die Theaterangestellten und die Leute vom Filmkurs haben uns eingeladen, hier an ihrem Picknick teilzunehmen. Schon seit zwei Tagen haben sie von diesem legendären Ort erzählt. Jetzt sind sie stolz, nochmal genau zu beschreiben, wie sie mit beharrlichen Protesten gegen die Siedlung das Leben für die Israelis zu ungemütlich gemacht haben, so daß diese endlich nach Norden hinter ihre neue Mauer geflohen waren.

Das große Mahl beginnt. Die Hausdame des Theaters - Um Mohammed, die Mutter Mohammeds, oder, seltener, Maryam - trohnt in der Mitte. Immer wieder füllt sie alle Teller, wobei sie sich einfach im Sitzen um die eigenen Achse dreht. Niemand wagt, mehr Essen abzulehnen, da darauf die Antwort laute, verhöhnende Worte und gemeine Witze sind.

Nach der endlichen Kapitulation wird alles Übriggebliebene weggeworfen und zuerst erscheint Kaffee, später Tee, Süßes und Nüsse werden herumgereicht, Shisha’s angezündet. Das Tal leuchtet zwischen den hohen Kiefern herauf, und nicht mal die klare Sicht auf die gewundene Mauer in der Ferne kann der freudigen Entspannung Abbruch tun. Der Gestank des Mülls, der uns auf dem Weg nach oben verfolgte, ist hier oben von einer Brise abgelöst, die mich, zumahl unter Kiefern, an die Ostsee erinnert.

 

Rawand arbeitet in der Verwaltung des Theaters und sagte mir einmal, daß sie eigentlich mehr daran arbeiten will, die Unterdrückung der Frauen in Palästina zu untersuchen, zu dokumentieren und darüber zu schreiben. Und plötzlich sind wir in einer intensiven Unterhaltung gefangen, versuchen unauffällig, es die anderen nicht wirklich hören zu lassen. Ich kann noch nicht einschätzen, ob es gegen diese Arbeit Einwände von den Männern gäbe, die ich als Künstler kennenlerne, oder sogar von den Frauen.

Es geht ihr nicht nur um die Gewalt, die Schläge und Zwangsheiraten mit erzwungenem Sex und Einsperren ‐ das alles ist gut öffentlich dokumentiert, das sind die Extreme getrieben vom religiösen und noch mehr dem traditionellen Eifer und der Angst vor Veränderung. Nein, sie will auf das alltägliche unsichtbare Unterdrücktsein der Frauen und Mädchen hinweisen, das es nicht in die Nachrichten schafft, aber das eine Entwertung der Menschen bedeutet, ihrer Talente, Wünsche und Möglichkeiten im Leben.

Sie erzählt mir, dass es den meisten Mädchen in dieser Gegend nicht erlaubt ist, zu entscheiden, was sie studieren oder wo sie arbeiten wollen, wenn sie das überhaupt durchsetzen können. Weiter, dass die Frauen, auch sie selbst, nicht alleine weggehen oder gar reisen dürfen, und wenn, müssen sie immer genau Bericht erstatten, wann sie wo und mit wem sind, und wann sie zurück sind. In vielen Fällen dürfen sie sich niemandem zum Heiraten aussuchen.

Aus ihrer Sicht hat das damit zu tun, dass der lange Konflikt und die fehlenden ökonomischen Entwicklungsmöglichkeiten die Menschen fester an ihre Religion und Tradition geschmiedet hat - das ist oft der einzige Halt, und es sei schwierig, die ältere Generation von möglichen Veränderungen zu überzeugen.

Dazu muß man sagen, daß die Unterschiede regional enorm sind - in Ramallah spürt man von all dem wenig, in Hebron hingegen sehr viel. Die ganze Zeit beobachte ich die Frauen genau, möchte den klischeehaften Einschätzungen entfliehen, und erfahre in der Zeit meines Aufenthaltes genau, dass es große Unterschiede zwischen ihnen gibt. Die Mädchen um mich, die bis auf eine alle Kopftuch tragen, sind unbeschwert, doch wenn man längere Zeit hier verbringt, merkt man, dass doch enormer Druck auf ihnen lastet. Und die eine, die kein Kopftuch trägt, scheint doch freier als die anderen und stärker den Männern gegenüber. Als ich mehr Zeit mit den jungen Frauen verbringe, höre ich immer mehr darüber, wie ihre Familien und Verlobten sie davon abhalten wollen, ins Freedom Theatre zurückzukehren. Sie haben während ihres Filmlehrgangs selbst darüber gedreht wie sie sich ihre künstlerische Ausbildung vor Familie und Verlobten erkämpfen müssen und vielfach wegen des starken Widerstands aufgeben,  Als ich zu Gast bei Rawands Familie war, hatte ich auch gemischte Gefühle ‐ denn ich sah, wie viel ihre Mutter von ihr im Haus verlangt, ich weiß, wieviel das Theater von ihr verlangt, und wußte auch schon, wie sehr ihr Vater ihre Freizeit reguliert und der Bruder ihr Verhalten im Auge behält, obwohl er offen mit mir flirtet.

 

Einer der Lehrer des Filmkurses hat einen eigenen Film gedreht (HONOUR) in dem die ‘nachrichtenwürdige’ Gewalt aber eben auch die alltägliche Unterdrückung der Frauen vorkommt. Besonders an diesem Film ist, dass Mustafa damit seine eigenen Erfahrungen veröffentlicht: jahrelang hat er es nicht hinterfragt, dass seine Schwester sich immer auf eine Art verhalten musste, die “seine Ehre” schützt, und dass das natürlich von außen bewertet wurde. Und dass er sie oft geschlagen hat, wenn ihm schien, die Ehre würde verletzt werden.

Nach seinen Angaben hat er erst durch die Arbeit im Theater gemerkt, daß er einem „geradezu antiken“ Muster folgt, sein männliches Ego zu füttern. Und das hatte er schon in anderen Lebensbereichen abgelehnt. Zu Hause war es einfach immer etwas anderes gewesen.

Ich lernte Mustafa als einen fröhlichen jungen Mann kennen, der, entgegen des Brauches und gegen viel Protest hier in Jenin lange Locken trägt und seinen Glauben nicht praktiziert. Es hat mir meine Naivität vor Augen geführt, zu denken, der Künstler, den ich in ihm jetzt ein wenig kenne, hätte diese ‚Probleme’ nicht, oder zu glauben, er sei der Letzte, der der Doktrin der Ehre folgen könnte. Man merkt daran, wie er jetzt darüber spricht, daß der Schock über sich selbst immer noch tief sitzt. In den Gesprächen wiederholt er oft die Entschuldigung, die er im Film seiner Schwester gegenüber öffentlich gemacht hatte. Ich habe auch sie getroffen, bei ihnen zu Hause in einer großen Runde mit Shishas und viel Gesang. Sie scheint wirklich glücklich darüber zu sein, was er geschafft hat. Da war ein leiser Stolz um sie, als sie hörte, dass wir sie alle aus dem Film kennen.

Sogar Rawand, sonst mißtrauisch und pessimistisch, freut sich über den Film, diesen ‘einen Film!’ sagt sie, aber melancholisch wie immer fügt sie noch leise hinzu, daß das wirklich die absolute Ausnahme ist. In ihrer Arbeit und der des Theaters versuchen sie natürlich die palästinensische Kultur zu stärken, aber auch, und eigentlich viel spürbarer versuchen sie, die Bevölkerung in Jenin auch innerhalb ihres festen Religions- und Traditionsbewußtseins für Neues zu öffnen.

Es scheint ein verständlicher Vorgang zu sein in einer Gesellschaft unter so langer Besetzung und immer wiederkehrenden Angriffen. Bei dieser völligen Unsicherheit müsse man zusammenhalten, die eigene Identität nach außen stark erscheinen lassen, sich also auf Altes, Bekanntes berufen.

Wie kann man in dieser Situation den Mut und die Mittel zur eigenen und gemeinsamen Entwicklung finden?

Es kommt immer wieder zu verbalen Angriffen gegen das Theater als einen Ort, wo sich junge Männer und Frauen 'zu nahe' kommen, wo 'irgendwie etwas Schändliches' passiert. Einmal gab es sogar einen Brandanschlag, als israelische und palästinensische Kinder zusammen im Theater musizierten. Das war wirklich ein außergewöhnliches Experiment in Jenin, doch die Kulturschaffenden im Theater arbeiten weiter daran, daß man in Zukunft eher durch Dialog, kulturelle Experimente und künstlerischen Ausdruck ein stärkeres Palästinensisches Volk schafft. Klar, sonst könnten wir auch nicht hier dabei sein, sonst würde man uns nicht hierher einladen.

Hier oben geht der Tag zur Neige, und jetzt kommen die Jungs mit ihren Autos, einige davon groß und teuer. Auf einem kleinen Betonplatz nahe am Abgrund versuchen sie, sie ausbrechen und sich drehen zu lassen, das geht natürlich mit den teuren Autos nicht, deshalb sind sie ja teuer. So trumpfen hier die kleinen bunten Autos, und plötzlich fühle ich mich in die frühe Jugend in meinem ostdeutschen Dorf zurückversetzt. Nur hier ist dieser triviale Spaß irgendwie sehr beruhigend - die jungen Männer haben Zeit, sie trainieren nicht mehr mit der Guerilla den Straßenkampf, um irgendwann ihren letzten Platz neben den vielen Martyrerbildern im Ort zu bekommen. Aber sie haben auch Zeit, weil sie nicht in die Uni oder zur Ausbildung gehen können. Die Frustration geht hier oben in Reifenqietschen und Gummirauch auf.

 

Sheikh Jerrach - Jerusalem April 2010


Hanan Wakeem war die Teilnehmerin für die Besetzten Palästinensischen Gebiete im Pilotjahr des British Council Programs Cultural Leadership International, so wie ich die Teilnehmerin für Deutschland war - als ‘Miss Palestine’ und ‘Miss Germany’ vestanden wir uns schon beim großen London meeting 2009 sehr gut. Ich habe dann einen ausgiebigen Besuch bei ihr in Jerusalem in meine Reisen in die Levant-Länder eingebaut. Sie ist Medienkoordinatorin bei der Kunstgalerie ‘Al Hoasch’ in Jerusalem, die sich für die Erhaltung und Verbreitung palästinensischer Kunst einsetzt. Außerdem ist sie professionelle Sängerin.

 

Hanan vibriert ständig unter einer Art Empörung, einem beständigen Wundern ob dessen, was sich die Menschen so antun. Selbst wenn meine neue Kollegin und Freundin mich nur begrüßt, oder Wasser bestellt, immer schwingt es mit. Ihre kleine Statur strahlt diese Energie aus, immer begleitet von einem ungläubigen Lächeln. Sie lacht angriffslustig in die Dunkelheit hinein, dabei leuchten ihre Augen und Zähne. Sie will eigentlich nur Gerechtigkeit und Frieden in Jerusalem, aber alles was sie tatsächlich tun kann, ist sich gegen die schleichende Starre zu sträuben, die die ewige Unmöglichkeit verbreitet.

Langsam verstehe ich als Besuchende dieses warmen und warmherzigen Landes, daß die Politik jeden Menschen jeden Tag berührt - der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern greift immer und überall in den Tagesablauf ein, besonders in Jerusalem. (…)

Hanan’s inneres Brodeln springt auf mich über, als sie mich nach Sheikh Jerrach führt - direkt in den Garten hinein, wo sich die jüdischen Siedler vor dem von ihnen neu-besetzten Haus und die eigentlichen arabischen Bewohner im Zelt davor gegenüber sitzen, sich den ganzen Tag lang anpöbeln, provozieren und auslachen.

Ich hatte schon in Deutschland davon gehört und es nicht so recht glauben wollen - da sind sicher alte ungeklärte Besitzrechte am Werk. Aber als ich es vor Ort von beiden Seiten erklärt bekam, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Man verhält sich so, als würde die andere Seite überhaupt nicht existieren.

Eiseskälte beherrscht auch die Gesichter der alten und neuen Hausbewohner und in den fünf Metern zwischen ihnen entfaltet sich die ganze Kraft einer Religion als steinharte Rechtfertigung dafür, den alten arabischen Frauen ihr Haus und den Männern allen Stolz zu nehmen.

Die Soldaten draußen scheinen unbeteiligt, sind aber ganz klar positioniert. Dazu kommt ein amerikanischer Friedensaktivist und erstaunlicherweise kann er die Polizeiverstärkung zum Abdrehen bewegen. Drinnen wurde es nämlich gerade brenzlig, aber das will er auch noch schlichten. Und redet eindringlich ein auf den momentanen Anführer der Siedler, der sich soeben hat herausfordern lassen und nun mit dem arabischen Oberhaupt die Ärmel hochkremplen und auf die Straße will. Eigentlich hieß es, der Araberchef ware sein Kollaborateur, der Scherz machte beide wütend, aber in letzter Sekunde entscheidet er sich dagegen, sich mit Mustafa zu schlagen. Denn gerade ist der neue jüdische Anführer eigetroffen - jünger, mit Gefolge, in voller traditioneller Kluft, gegeltem Haar und steinerner Miene. Wie immer, so höre ich, endet die Provokation im Nichts, hat nicht mal mit Entladung Milderung gebracht, sondern verstärkt nur das Gefühl der Aussichtslosigkeit.

Die arabische Familie schaut dem Ganzen irgendwie ungläubig zu, die Kinder spielen lustlos auf dem nagelneuen kleinen Spielplatz, gespendet von einer Hilfsorganisation, oder klettern an den Palästina-Graffitis die Wände hoch. Aber da gibt es auch ein sehr waches Mädchen, das eine Kamera, auch für diesen Zweck gespendet, ununterbrochen auf die Siedler hält - um irgendetwas einzufangen, was vor Gericht Einfluß hätte. Dieses Gericht ist ein rein Israelisches und somit ist die Entscheidung eigentlich klar. Deshalb hofft das Mädchen und die Hilfsorganisation auf ein Vergehen auf Siedlerseite, damit man überhaupt einen Prozess beginnen könnte.

Dieses Land hier ist Niemandsland, es gehörte mal Jordanien, jetzt aber nicht mehr. Keiner konnte mir erklären, warum, und auch nicht genau, warum es für orthodoxe Juden eine heilige Stätte ist. Es hat etwas mit angeblichen Funden zu tun, die angeblich etwas mit David zu tun haben.

Jedenfalls sind das die beiden Gründe für die Überzeugung der Siedler, dass sie hier in diesem Viertel wohnen müssen, egal, ob das bedeutet, in das Haus einer arabischen Familie, die zum Freitagsgebet oder zum Einkaufen ausgegangen war, ohne Vorwarnung einzuziehen. Und in manchen Fällen ist die Familie nicht mal ausgegangen, sondern wird einfach vor die Tür gesetzt.

Warum lassne die Behörden in Jerusalem diese Konflikte schwelen und eskalieren? Es sieht nicht so aus als wollten sie das Zusammenleben der eigentlich nahen Religionen in dieser Stadt fördern, oder auch nur den Dialog zwischen ihnen.

Auf dem Rückweg versuche ich, die drängelnden Menschen nicht zu berühren. Ich habe nichts gegen sie, aber ihre Selbstgefälligkeit schmerzt, zumal sie diese in Gottes Wort rechtfertigen. Die Kälte ist atemberaubend, wo steckt die gepredigte Liebe, die Eigenverantworung und Toleranz im täglichen Leben? Mit diesen Fragen verbringen Hanan und ich den Rest des Abends. Wenn ich mir dann auch noch vorstelle, in diesem Konflikt einen Bruder verloren zu haben, wird das Gefühl der Aussichtslosigkeit für kurze Zeit übermächtig.

 

 

Tagebuch vor Ort zum Tode von Juliano Mer Khamis

 

Sonntag, 3.4.

The Chairs - Ionesco - das Eröffnungsstück wird ein Triumph: George Ibrahim steht nach 15 Jahren wieder auf der Bühne, und Juliano hatte die Regie erst vor 10 Tagen übernommen. Wir feiern lange und ausgelassen, Juliano wirkt viel entspannter und glücklicher als das letzte mal. Er sagt den Studenten immer wieder, daß sie die arabische Revolution weiterführen müssen. Mir sagt er, daß die Schaubühne genau nachdenken muß, ob sie beim Israel Festival auftreten wollen.

Montag, 4.4.

Die Leute fahren vormittags zurück nach Jenin. Zwischen drei und vier sitzen die meisten im Haus des Theaters und lesen Texte, als sie ein komisches Geräusch hören. Nach eigenen Angaben erkennt nur Rabeeah, der sieben Jahre in Zakaria Zubeidis Freiheitsbrigade gekämpft hat darin eine Kleinfeuerwaffe. Als er zum Auto rennt, kommt ihm schon die Kinderfrau Raeda entgegen, mit Julianos Sohn Jay auf dem Arm. Rabeeah findet Juliano auf den Vordersitzen im Auto mit Schußwunden in der Schläfe, Hand und im ganzen Oberkörper, 12 oder 13. Er kann kein Lebenszeichen finden, wenig später im Krankenwagen wird er für tot erklärt. Rawand, seine langjährige Assistentin, ist bei ihm. Der Krankenwagen bringt ihn nach Haifa zur Obduktion.

In Ramallah verbreitet sich die Nachricht sehr schnell. Im Al Kasabe Theatre wird entschieden, daß das Festival weitergehen muß, und daß auch am selben Abend das Stück de Al Harah Theatres aus Beit Jala stattfindet, nach Ansprache und Schweigeminute. Es schien gut, daß alle zusammenkommen konnten, während der Vorstellung weinen sehr viele. Danach gibt es im Theaterbüro eine Versammlung darüber, wie man weiter vorgeht. Ein Text wird verfaßt und ein Trauermarsch für den nächsten Morgen arrangiert. Für das Festival und die Theaterarbeit gilt weitermachen - das hätte Juliano so gewollt.

Dienstag, 5.4.

Gegen 11 Uhr versammeln sich ca. 250 Leute auf dem zentralen Platz in Ramallah, mit Postern, Transparenten und vielen Flaggen. Die Studenten der Al Kasabe Akademie führen die Prozession. Zuerst geht es zum Kulturministerium, die Kulturministerin spricht sehr kurz, dazu noch George Ibrahim und andere hohe Vertreter der Kultur. Von dort ist es nicht weit zum Grab von Arafat. Doch kurz vorher halt uns die Polizei auf. Zuerst sieht es etwas brenzlig aus, aber nach einigem Überreden besprechen sie sich mit den Kollegen am Grab selbst und wir werden reingelassen. Juliano wurde schon zum Märtyrer erklärt, deshalb sind wir wohl hier. Weiter sagen die Leute aber auch, daß es ein Armutszeugnis ist - sie gehen nicht zu einem lebenden Politiker - selbst die Kulturministerin unterstütze sie nicht so, wie es nötig ist. Alle hier fühlen sich von der Politik völlig allein gelassen. Der Marsch endet wieder am Al Manara Platz.

 Alle möglichen Gerüchte verbreiten sich wahnsinnig schnell - Jenny, seine Frau sei mit im Auto gewesen, sie hätten zwei Leute gefaßt, die Hamas stecke dahinter - alles Quatsch oder nicht bestätigt. Auch die Beerdigung ist ein Rätsel - manche dachten, sie war schon heute, dann sickert langsam durch, sie sei morgen, in Haifa, in Jenin, um 12, um 2, um 4???

Am Abend spielt das Palestinian National Theatre ein Stück über die Ermordung von Martin Luther King - ihr Beitrag zu den fortlaufenden Arabischen Revolutionen. Dabei wird hervorgehoben, daß Martin Luther King wie Juliano am 4.4. erschossen wurde. Ein weiterer sehr emotionaler Abend.

Danach vermißt Lothar das Theater, George Ibrahim ist Feuer und Flamme für mehr Zusammenarbeit, aber sagt auch bitter - Geht jetzt nicht nach Jenin.

Mittwoch, 6.4.

Langsam erhärten sich Informationen - Juliano ist ab dem Morgen im Al Midan Theatre in Haifa aufgebahrt. Von dort wird der Sarg durch die Straßen getragen und dann, gegen 2 Uhr, von einem Auto-und Buskorso zum Checkpoint Jalameh, nördlich von Jenin gebracht, um dann gegen 4 Uhr im Kibbutz Ramot Menashe neben seiner Mutter Arna beigesetzt zu werden.

Hier sind wieder 300-400 Leute auf jeder Seite versammelt, darunter viele Journalisten. Sie dürfen nicht zueinander. Alle mit Erlaubnis für Israel sind nach Haifa gekommen, dürfen jetzt aber den Checkpoint nur überqueren, wenn sie dann auch drübenbleiben. Der Sarg wird auf die Palästinensische Seite gebracht, damit dort die Menschen Abschied nehmen können.

Udi und Julianos Familie sind mit dem Sarg im Auto, auf dem Rückweg halten sie in der Mitte des Checkpoints und verbinden so kurz durch Gesänge und Winken beide Seiten.

Auf der Israelischen Seite setzt sich der Korso in Bewegung, am Grab findet sich eine Riesenmenschenmenge ein. Viele Leute sprechen, Arabisch, Hebräisch, Englisch, es wird gesungen und viel geklatscht.

Premierminister Fayad hält eine Rede  zu Ehren Julianos in der er verspricht, daß man mit der höchsten Anstrengung nach den Tätern suchen und sie mit größter Schärfe bestrafen wird.

Am Abend fahre ich mit den Freedom Theatre Leuten zurück nach Jenin. Wir sitzen sehr lange zusammen, trinken Julianos Lieblingswhisky und erzählen Geschichten. Euphorie wechselt mit tiefer Trauer.

Donnerstag, 7.4.

Ab 9 Uhr gibt es große Geschäftigkeit im Theater - es wird alles aufgeräumt und dekoriert, gegen 11 Uhr kommen die ersten Gäste. Polizei- und Armeemitglieder versammeln sic him Theater. Sie halten eine passionierte Ansprache und bestätigen, was der Premier gesagt hat, Zakariah Zubeidi spricht auch. Es kommen immer mehr Gäste - die Familie aus Nazareth, Freunde und Journalisten aus dem ganzen Land, die Leute vom Cinema Jenin etc. Man steht und sitzt viel rum, denkt über seine Position hier nach und läßt kleine Gespräche hier und da entstehen.

Gegen 1 Uhr fährt ein Auto mit Lautsprecher durch das Camp, um die Leute zu informieren und einzuladen, mit uns vom Camp in die Stadt und zurück zu marschieren. Leider nehmen nur ein paar Kinder die Einladung an.  

Das Auto mit der Musik folgt der Reihe der Studenten mit einem Riesenbild und vielen Trauerblumen. Dahinter um die 300 Leute mit Bildern und Flaggen. Alle starren uns an, aber es kommt keine Reaktion.

Ich erfahre hinterher, daß der Täter doch noch nicht gefaßt wurde. Die Kinderfrau hat sie entlastet, sie sagt, sie würde immer die Statur und Stimme des Täters wiedererkennen. Auf meine Fragen hin sagt hier niemand, daß er irgendeine Gefahr spürt, sie glauben, der Täter, die Täter?, hatte es auf die Persönlichkeit von Juliano abgesehen. Viele sagen auch, sie glauben oder haben gehört, daß manche im Camp sagen würden, daß er es verdient hat. Rawand haßt das Camp einfach.

Auch im Theater gibt es eine konservativere Fraktion, die immer schon Juliano bremste, zuletzt mit Frühlingserwachen. Sie haben uns immer hingewiesen, nicht draußen zu rauchen, laut zu lachen, uns zu küssen, schlecht angezogen zu sein - um niemanden draußen zu verärgern. Das ist nötig und vernünftig und sie sind völlig geschockt, aber in manchen Gesprächen werden sie eng mit dem Camp in Verbindung gebracht.

Jedenfalls wird klar, daß alle hier in Julianos Sinn weitermachen wollen und mehr arbeiten, um das riesige Loch zu füllen. Man kann sich außerhalb wirklich nur schwer vorstellen, was er für ein Titan des Theaters hier war.

In Haifa ist heute nachmittag und abend das Haus der Familie offen, um Trauergäste zu empfangen.

Wir fahren gegen 4 in Richtung Ramallah. Wir brauchen 1 Stunde länger, weil uns die Armee wegen eines liegengebliebenen Siedlerbusses umleitet.

Auf dem zentralen Platz sind heute abend nochmal Trauerfeierlichkeiten geplant - ab halb acht spielt eine Gruppe von Leuten, die ich nicht kenne, alte Märtyrerlieder und Reden. Gegen neun wird Arnas Kinder ausgestrahlt. Ein Großteil des Publikums dafür war vorher im Theater, um, viele zum zweiten Mal, Julianos letzte Inszenierung zu sehen. George Ibrahim und Nisreen Faour  auf der Bühne und viele im Publikum weinen die ganze Zeit. Später gibt es noch ein Treffen der Theatermacher in Al Kasabe über das weitere Vorgehen.

Freitag 8.4.

Heute ist das Haus der Familie in Haifa ab 2 Uhr geöffnet.

In Ramallah ist alles ruhig, es ist Sonntag. Für nächsten Dienstag ist geplant, daß Vertreter aller Kulturorganisationen aus Palästina nach Jenin reisen und auf einem Trauermarsch ihre Solidarität mit dem Freedom Theatre zeigen. Desweiteren gibt es Überlegungen zu einem Stück über Juliano, seine Inszenierung dort, Alice in Wonderland wird im Mai wiederaufgenommen werden und man plant die weiteren Inszenierungen.

Im Theater selbst überlegt man nun angestrengt, wer das Theater übernehmen soll, wofür man Zeit braucht. In der Zwischenzeit muß man stark nach außen auftreten und so wurde vorgeschlagen, eine kommissarische Führung einzusetzen, bis es entschieden ist. Eine Möglichkeit ware Jonathan Stanczak aus Schweden, der anfangs das Theater mit Juliano eröffnet hat. Aber er ist nicht wirklich ein Theatermensch. …

Samstag 9.4.

Es kommt heraus, daß am Freitag in der Moschee in Jenin Flugblätter gefunden wurden, die Ausländern in Jenin mit dem Tod drohen. Es ist sehr verwirrend, aber eher wahrscheinlich, daß die Leute hinter dem Flugblatt andere als die hinter Juliano’s Tod sind, gewissermaßen auf der Welle mitreiten. Es ist auch nicht das erste Mal, daß solche Flugblätter auftauchen. Die deutsche Botschaftsvertretung empfiehlt den Deutschen im Cinema Jenin und im Freedom Theatre, die Stadt zu verlassen. Premier Fayad fordert die Polizei in Jenin telefonisch auf, sich noch mehr anzustrengen, er soll sauer gewesen sein, daß Ausländer bedroht werden und deshalb die Stadt verlassen.

Ein enger Mitarbeiter von Juliano bekommt einen ungenauen Hinweis ‘das er der nächste sein könnte’. Er kommt daraufhin zu uns nach Ramallah.

Sonntag 10.4.

Das Treffen in Jenin der Kulturorganisationen wird vom Montag auf Dienstag verschoben. Ich spreche mit der Leitung des Al Kasabe Theaters, mit der Leitung des Goethe Instituts und dem Leiter der Kunstakademie - alle sind noch völlig ratlos, es gibt keine Hinweise darauf, wer und warum es geschehen ist. Die Frustration darüber wächst, daß von der Polizei keine Ergebnisse und von der Politik nicht genug Druck kommt.

Montag 11.4.

Die Studenten des Freedom Theatre kommen nach Ramallah. Viele nehmen einzelne von Ihnen auf, wir auch. Udi Aloni und die verbliebene Theaterleitung in Jenin hatten beschlossen, den Studenten damit sozusagen eine Auszeit von Jenin zu geben und aber gleichzeitig in der Bir Seit Universität und den Theatern in Ramallah arbeiten und aufarbeiten zu können. Außerdem ist Jenin kein sicherer Ort für Udi Aloni. Zuerst ist ein Filmprojekt über Juliano’s Leben geplant. 

In Jenin finden Feierlichkeiten zum Gedenken an die Nakba vor 63 Jahren statt. Zakaria Zubeidi thematisiert den Tod Juliano’s dabei, woraufhin es etwas unruhig wird, aber letztendlich friedlich bleibt.

Dienstag 12.4.

Die Studenten ziehen zusammen in ein Haus und es gibt das erste Treffen mit Udi im Goethe Institut. Am Abend feiern wir den Geburtstag von Mustafa, dem Mitarbeiter, der am Samstag nach Drohungen nach Ramallah kam. 

Mittwoch 13.4.

Die Arbeit mit Udi geht weiter. Am Abend treffen sich alle, wirklich alle die in Ramallah mit Kultur arbeiten und einige von außerhalb, im Theater für die Premiere von ‘Death and the Maiden’, Juliano’s letzter Arbeit für das Al Midan Theatre Haifa. Vorher wird eine Dokumentation über Juliano gezeigt und Einzelen halten Reden oder lesen Gedichte. An einem Tisch im Foyer kann man für Juliano Kerzen anzünden.

Sehr gute Vorstellung, für viele sicher das Beste, was sie in diesem Theater gesehen haben. Der Applaus ist groß, aber den Beteiligten ist nicht nach Feiern. Einer der Schauspieler hält eine lange differenzierte Rede, in der er Juliano’s Verdienste an der Kultur mit deren Potential und deren Problemen in Beziehung setzt. Am Ende rufen sie dazu auf, am kommenden Samstag zum Haus von Mahmoud Abbas zu ziehen, um für mehr Unterstützung der Ermittlungen und der Kultur udn Kunst generell zu protestieren. Zusätzlich liegen vor der Tür Unterschriftenlisten aus, die das Gleiche unterstützen.

Im Freedom Theatre Team gibt es harte Diskussionen. Es wird erwogen, das Theater erstmal ganz zurückzuschrauben und nur Arbeit mit Kindern zu machen-man müsse wieder die Herzen der Leute im Camp erobern. Den Studenten würde das das Herz brechen, sie suchen nach produktiven Alternativen. Es ist allen klar, daß das Theater im Jenin Camp auch für das Camp sein muß, und mit dem Camp funktionieren muß, aber wie man da hinkommt, ist im Moment völlig unklar. Auch der Plan, Alice in Wonderland so schnell wie möglich wiederaufzuführen, ist erstmal auf Eis gelegt. Für eine Deutschland tour im Herbst wird eine Arbeit über Juliano erwogen.

Alle hier eint eine große Ratlosigkeit und Verzweiflung, da es so schwierig ist, mit den Teilen der Gesellschaft, die sich gegen die Kultur stellen, zu kommunizieren, sie aber gleichzeitig kein Feindbild darstellen, denn es sind die Leute, für die man arbeitet.