PALÄSTINENSER | 19.10.2010
Deutsche Welle
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Die "Gaza-Monologe"
Unter der Überschrift "Was hat der Krieg mit dir gemacht?" geben die "Gaza-Monologe" erschütternde Einblicke in das Leben Jugendlicher in Gaza. Das Theaterstück wurde in 40 Städten weltweit gleichzeitig aufgeführt.
Meterhohe graue Betonwände begrenzen die halbrunde Bühne im Saal C der Berliner Schaubühne. Sie dienen als spärliche aber eindrucksvolle Kulisse für das Stück "Gaza-Monologe", das hier nur ein einziges Mal aufgeführt wird. In den Zuschauerrängen sitzt ein bunt gemischtes Publikum, die ersten Reihen sind für Angehörige der arabischen Botschaften in Berlin reserviert.
Die jungen Schauspieler sind barfuß. Sie tragen einfache Jeans und T-Shirts, die meisten Mädchen haben langes Haar, locker zusammengebunden oder hochgesteckt. Aus den Lautsprechern dringt verhalten arabische Musik, die langsam verklingt, während die Schauspieler vortreten und sich vorstellen: "Mein Name ist Marie und ich spreche heute für Jasmin." "Ich bin Fabian und ich spreche den Monolog für Hanan." "Ich bin Alex und ich spreche für Tamer", "Flora für Suha." Fast zwanzig junge Schauspieler von verschiedenen Berliner Jugendtheatern sprechen Texte, die Altersgenossen im Gazastreifen geschrieben haben.
"Im Ganzen sterben"
Zu hören sind Zitate wie dieses: "Unser Traum ist es, einen guten Tod zu sterben und nicht ein gutes Leben zu leben", oder: "Wer wird zu meinem Begräbnis kommen?" Oder: "Ich möchte im Ganzen sterben und nicht in Hundert Stücke gerissen werden." Es sind Monologe voller Angst und Verzweiflung, aber auch voller Träume. Sie sind entstanden nach dem Gazakrieg um die Jahreswende 2008/2009.
Unter der Überschrift "Was hat der Krieg mit dir gemacht" bieten sie erschütternde Einblicke in das tägliche Leben während des Krieges und danach. Die Idee für die Aufführung stammt von "Ashtar", einer Nichtregierungsorganisation, die in Ramallah, Ostjerusalem und Gaza eine Schauspielausbildung anbietet und an der Entwicklung des palästinensischen Theaters arbeitet. Da die Jugendlichen den Gazastreifen nicht verlassen können, hat Ashtar über 40 Theater auf allen Kontinenten dafür gewonnen, die Texte gleichzeitig am Sonntag (17.10.2010) mit jungen lokalen Schauspielern zu präsentieren. In Berlin haben Jugendliche verschiedener Jugendtheaterclubs an der Aufführung mitgewirkt. Inszeniert wurde das Stück von der Theaterregisseurin Lydia Ziemke und der Theaterpädagogin Uta Plate. Die Arbeit an dem Stück und mit den Jugendlichen sei ein großartiges Geschenk gewesen, sagt Plate.
Verschiedene Welten
Nur elf Tage lang hatten die Jugendlichen Zeit, das Stück zu proben, berichtet Regisseurin Ziemke. Zuvor aber mussten sie viel lernen über Gaza und seine Bewohner, über den Krieg und das Alltagsleben. "Die erste große Erfahrung war: Es ist wunderbar, das tägliche Leben der Menschen kennenzulernen, Persönliches zu hören, jenseits von Politik, Staatengebilden und Mauern. Es ging um die Frage: Wie geht es unseren Altersgenossen?", erklärt Ziemke. Es sei für sie der größte Anreiz gewesen, dies herauszufinden und sich dazu in Beziehung zu setzen.
Zudem hätten die Jugendlichen nicht viel über die Situation in Gaza gewusst: "Das haben wir langsam in Gesprächen versucht, verständlich zu machen. Das ist natürlich alles sehr kompliziert", erinnert sich die Regisseurin. Bei einem gemeinsamen Wochenende wurden die jungen Schauspieler auf das Leben ihrer Altersgenossen im Gazastreifen eingestimmt. Immer wieder stellten sie sich dabei die Frage: "Wie wäre es, wenn hier bei uns Krieg wäre?"
Für die Jugendlichen war es nicht leicht, sich in die für sie so fremde Welt einzufinden. Sie habe nicht viel über den Gazastreifen gewusst, berichtet die siebzehnjährige Sophia nach der Aufführung. Die Erlebnisse ihrer Altersgenossen seien ihr aber unter die Haut gegangen. Für ihren Auftritt habe sie sich bewusst den Monolog von Fatima ausgesucht, einer jungen Palästinenserin, die über ihre Träume spricht. Mit diesen Träumen, sagt Sophia, könne sie sich gut identifizieren.
Weitere Aufführung geplant
Ganz anders war es für Mohammed, denn er ist Palästinenser. Sein Vater kommt aus dem Westjordanland und seine Mutter aus einem Flüchtlingslager im Libanon. Er selbst wurde in Deutschland geboren und spielt bei der Theaterinitiative "Grenzen-Los" in Berlin-Moabit mit. Die Arbeit an dem Stück über junge Palästinenser sei für ihn sehr emotional gewesen, berichtet er. Gleichzeitig habe er sich über das große Interesse und Engagement seiner Mitschauspieler gefreut, die von ihm viel über Palästina und die Palästinenser wissen wollten, aber auch über sein Leben in Deutschland.
Nur eine Aufführung der Gaza-Monologe gab es in Berlin bislang. Die beiden Regisseurinnen aber würden sich freuen, wenn das Stück noch mal auf die Bühne käme. Zum "Internationalen Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk" am 29. November soll es in New York am Rande einer UN-Sitzung von einem anderen Ensemble noch einmal aufgeführt werden. Der größte Traum von Lydia Ziemke und Uta Plate wäre es jedoch, die Jugendlichen aus Gaza nach Berlin einzuladen und mit ihnen und den ihren deutschen Altersgenossen gemeinsam Theater zu spielen.
Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Ina Rottscheidt
Junge Gedanken über Gaza
von Christian Kobsda - Zenit Online
Krieg zu erleben, ist fast immer eine traumatisierende Erfahrung, darüber zu sprechen fällt oft nicht leicht. Dennoch gelang es palästinensischen Kindern, ihre Gefühle in Worte zu fassen und auf die Bühne zu bringen. Weltweit folgten Inszenierungen der übersetzten Monologe. Im Berliner Theater Strahl präsentierten Jugendliche nun zum zweiten Mal Antworten auf die Frage: »Was hat der Krieg mit dir gemacht?«
»Vor dem Krieg träumten wir davon, ein gutes Leben zu leben, jetzt träumen wir davon, einen guten Tod zu sterben.« Sätze wie dieser lassen den Zuhörer mehr als einmal schlucken, besonders dann, wenn sie von Kindern gesprochen werden. Als Mitte Januar Nachwuchsschauspieler aus verschiedenen Berliner Jugendtheaterclubs erneut die Monologe gleichaltriger Palästinenser vortragen, sind die Ereignisse, die diese Texte provozierten, bereits zwei Jahre vergangen.
Kurz nach Weihnachten 2008 war es, als das israelische Militär um die Mittagszeit den ersten Luftangriff auf den Gazastreifen flog. Damit hatte der Krieg offiziell begonnen. Während er andauerte, konzentrierte sich einen Monat lang die Weltöffentlichkeit auf den kleinen Landstrich am Mittelmeer. Schon damals wurden allerorts die zahlreichen zivilen Opfer beklagt, die die Kämpfe mit sich brachten. Unter diesen waren auch mehrere hundert Kinder. Doch auch für jene, die den Krieg scheinbar unbeschadet überstanden haben, sind dennoch die zurückbleibenden psychischen Wunden groß.
Unter Leitung des Ashtar-Theaters begann eine Gruppe palästinensischer Jungen und Mädchen zu Beginn des vergangenen Jahres, ihre teils traumatischen Erinnerungen in 33 kurze Monologe zu gießen. Die »Gaza Monologues« entstanden. Erschütternde Zeilen, die einen Einblick geben in die Träume, Ängste und Hoffnungen, die die Lebenswelt der Kinder seit dem Krieg prägen. Im November brachten die jungen Autoren sie in Gaza zunächst selbst auf die Bühne und ließen sie anschließend, zu kleinen Papierbooten gefaltet, symbolisch zu Wasser. Noch am selben Tag wurden die Monologe weltweit rezitiert. Zuvor waren sie in verschiedene Sprachen übersetzt und in mehr als 50 Städten von Kindern und Jugendlichen einstudiert worden.
Die Monolog-Vorträge beginnen amüsant
Herausgekommen sind dabei ganz unterschiedliche kleine Theaterstücke. Eines davon in der Berliner Schaubühne. Die Regisseurin Lydia Ziemke und die Theaterpädagogin Uta Plate inszenierten dort zusammen mit 18 Berliner Jugendlichen die Monologe der Altersgenossen aus dem Gazastreifen. Im Januar fand nun ihre zweite Aufführung statt. Diesmal im Theater Strahl.
Locker, fast flapsig beginnt die Darbietung. Zunächst stehen die jungen Schauspieler barfuß und in unterschiedlichen Farben gekleidet im Kreis und tauschen ihr Wissen über den Nahost-Konflikt aus. Auch die Monolog-Vorträge beginnen amüsant. Erst nach und nach werden sie drückender und die beschriebenen Erinnerungen ergreifender. Während es am Anfang des Stückes um kleine Anekdoten junger Palästinenser über das Verhältnis zu ihren Eltern geht, reflektieren die Texte im Verlauf der Aufführung immer mehr die Ängste der Jugendlichen, die die Erfahrung des Krieges in ihnen ausgelöst hat.
Es sei eine Herausforderung gewesen, mit den Monologen wirkungsbezogen umzugehen, berichtet Uta Plate. Manchmal, so die Theaterpädagogin der Berliner Schaubühne weiter, sei ihr die Aufgabe fast ein bisschen pervers erschienen, die Erinnerungen der Kinder dramaturgischen Kriterien unterwerfen zu müssen. Doch gemeinsam mit Ko-Regisseurin Lydia Ziemke ist es ihr dennoch gelungen und entsprechend begeistert reagiert das Publikum.
Das Gefühl, etwas zu verändern
Als »riesige Aufgabe« beschreibt auch Joanna Mandalian ihr Erlebnis. Die junge Berlinerin wurde unter den Jungschauspielern ausgelost, mit 32 Altersgenossen aus den übrigen teilnehmenden Theatern die Monologe im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen zu präsentieren. So reiste sie in Begleitung von Lydia Ziemke Ende November in die USA. »Wir hatten wirklich das Gefühl, etwas zu verändern«, resümiert Joanna diese Zeit. Dort hatte sie auch Kontakt zu Reem. Die Fünfzehnjährige kommt aus dem Gazastreifen und hat den Text verfasst, den Joanna nun vorträgt. Über eine Webcam bekamen die beiden erstmals die Gelegenheit, sich persönlich kennenzulernen. »Das war ein extrem emotionaler Moment für mich«, so Joanna.
Ähnliches beschreiben die anderen Schauspieler des Berliner Stücks, die bisher nur Briefe an die palästinensischen Autoren verfassen konnten. Man baue eine persönliche Beziehung zum jeweiligen Monolog-Partner auf, auch ohne ihn zu kennen, erklärt einer von ihnen seine Gefühle im Publikumsgespräch nach der Aufführung. Zur erneuten Präsentation des Stückes in Berlin hat sich die Aufregung ein wenig gelegt und die Jugendlichen trauen es sich zu, die Fragen der Zuschauer zu beantworten. »Das wollten wir ihnen nach der Premiere noch nicht zumuten«, erzählt Uta Plate und berichtet ein wenig stolz vom damaligen Besuch hochrangiger arabischer Diplomaten. Aber es habe auch Ablehnung gegeben. So seien vor Beginn im Foyer der Schaubühne Flyer verteilt worden, die Bilder von toten israelischen Kindern zeigten.
Auch bei der parallelen Trondheimer Uraufführung der dänischen Übersetzung kam es zu Protest. Dort habe sich der israelische Botschafter an die dänische Regierung gewandt und sich über deren Unterstützung des Theater-Projekts beschwert. Von solchen Einzelfällen abgesehen, seien die Reaktionen jedoch überwiegend positiv gewesen, erzählt Iman Aoun. Die palästinensische Regisseurin ist Mitbegründerin des Ashtar-Theaters und koordiniert die »Gaza-Mono-logues«. Für den Sommer plane sie deshalb sogar eine kleine Tournee mit den Jugendlichen aus Gaza. »Wir werden in Toulouse, Oxford und Athen spielen und sind außerdem nach Südafrika eingeladen.« Auch an einer Aufführung vor dem Europäischen Parlament arbeite sie, so Aoun weiter.
Doch ihre Pläne sind damit aber noch nicht erschöpft: »Wir möchten die Monologe auch mit panarabischen Schauspielstars umsetzen. Aber es sind viele Spenden nötig, um so ein Projekt realisieren zu können.« Im April erscheint nun zunächst ein Bildband, der Fotografien der verschiedenen Inszenierungen zeigen und neben den Texten in arabischer und englischer Sprache auch die Reaktionen auf die Gaza-Monologe darstellen wird.
