Press Elsewhere

INTERNATIONAL MESS FESTIVAL SARAJEVO OCTOBER 2010

Robert Wilsons magisches Theater 

Wilsons Krapp zeigt uns in unserer Einsamkeit, er ist die Personifikation aller unserer Verwirrungen und vergeblichen Versuche, die Zeit und uns selbst in dieser Zeit zu überlisten, uns über unser sinnlos verbrachtes Leben hinwegzutäuschen

Mladen Bičanić

Die letzte Woche des gefeierten 50. Mess Festivals schien sich an das ursprüngliche Konzept dieses Festivals anzulehnen, das dem Festival seit Beginn zu Eigen ist.

Gastiert haben Vorstellungen, die in kleinen Off-Theatern entstanden sind. Ein wichtiges Merkmal der Inszenierungen waren die Spurensuche, der Geist der Entdeckung, die Neigung zum Experiment – nicht aber um des Experimentes Willens, einer zwanghaften Exklusivität, Mode oder um jeden Preis gewünschten Modernität – ganz im Gegenteil, alle vorgestellten Projekte trugen diese Experimentierfreude in sich, nicht um sich vom „Mainstream-Repertoiretheater“ zu unterscheiden, oder von dem, was wir „gewöhnliche Theaterpraxis“ nennen, sondern, um die ausgesuchten Stücke auf eine neue Art zu zeigen. Es waren vor allem ernsthafte, tief und sehr sorgsam ausgearbeitete theatrale Versuche, die zum Ziel hatten, die Stücke in einem neuen Licht zu zeigen, aus einer anderen Perspektive,  vielleicht auch auf ganz verrenkte, ungewöhnliche Art und Weise, so wie die Reflexion eines Zerrspiegels, und das alles, damit man diese Stücke auf komplexere Art lesen, nach einem neuen Schlüssel betrachten und durchdenken und somit die verborgenen Bedeutungen, Schichten und den Sinn entdecken kann. Und diese Praxis war die ursprüngliche Idee des MESS, auf diesem Stein wurde es gegründet, ihm verdankt es seine Langlebigkeit, nach diesem Prinzip wird es auch heute kuratiert und ausgerichtet.

Land Without Words

Ein Beispiel für dieses Theaterverständnis ist auf jeden Fall der Auftritt der Künstlergruppe „suite 42“ aus Großbritannien. Das Stück heißt „Land Without Words“, die Autorin ist die europaweit und international bekannte Schriftstellerin Dea Loher, die Regisseurin Lydia Ziemke. Die Inszenierung fußt auf einem sehr poetischen, vielschichtigem und schwelgerischem, gleichzeitig aber kraftvollem und tiefgründigem Text der Autorin. Dea Loher, 1964 in Bayern geboren, gehört ohne Zweifel mit an die Spitze der deutschen dramatischen Literatur. Ihr Stil wird charakterisiert durch ein raffiniertes, feines Gefühl dafür, Unaussprechliches auf dramatische Art darzustellen, Vorahnungen, Dinge, die sich in Wirklichkeit in der Welt um uns herum und in uns befinden, aber unter einer Oberfläche auf der wir uns im Alltag bewegen und an der wir nur manchmal, vielleicht sogar nur unbewusst, schürfen.

 „Land Without Words“ führt uns in diese Welt unter der Oberfläche. Diese ist wie ein Bernsteintropfen, ein wertvolles Stück erhärteten, durchsichtigen Harzes in welchem wir Formen schimmern sehen, Figuren oder Körper, wie kleine Insekten die vor langer Zeit auf einer Baumrinde gefangen wurden, versklavt im flüssigen Bernstein im Augenblick des Todes – wir können die Stellung der Körper im Moment der Versteinerung beobachten, sogar das Drama ihrer Agonie fast erahnen – aber es ist schwierig zu verstehen, was da unter der Oberfläche tatsächlich geschehen ist, was dem vorausgegangen ist, warum geschehen ist, was wir sehen. So versucht auch die Heldin, meisterhaft gespielt von der Britin Lucy Ellinson, mittels ihres Spiels zu uns vorzudringen, um uns ihre Geschichte, ihr Innerstes, ihre Träume und Gedanken, ihr Erleben der Welt  preiszugeben, um uns so in ihre Beklommenheit zu ziehen.

Die junge deutsche Regisseurin Lydia Ziemke sieht das Theater auch als Ort unserer eigenen möglichen Verwandlung: „Wenn Sie ins Theater gehen, sich eine Vorstellung ansehen und danach gehen, sollte sich etwas in Ihnen verändert haben. Wir zeigen Ihnen im Theater keine schönen Dinge, keine falsche, bunte Realität, Zierknöpfchen und bunte Perlen – wir wollen Sie provozieren, tief berühren, erschüttern – auf dass Sie sich darüber bewusst werden, dass es doch noch Güte auf der Welt gibt, das Sie sich dieser Güte bewusst werden und dass Ihnen dieses Bewusstsein die Kraft gibt, wenigstens ein bisschen, wenigstens etwas in Ihrem alltäglichen Leben zu verändern.“

Theatre Royal Bath - Ustinov Studio

Evening Post, Alan King, Friday 24th of September

Throughout history the horrors of war have always provided a canvas upon which artists can express their most stark and startling images and German writer Dea Loher’s monologue tells of the experiences of a painter/sculptor in a Middle Eastern city named only as K - but surely the Afghanistan capital Kabul.

In a remarkable performance of raw physical and emotional power Lucy Ellinson, under the intense direction of Lydia Ziemke, reproduces the "open shame" of an artist desperately trying to create works which do justice to her emotions and speak for the tragic victims she meets.

In just 45 minutes of fevered action and biting words she is able to convey as much of the pain of conflict as any amount of TV news footage.

She smears herself with dirt, douses herself with water and makes a face mask of clay in an attempt to convey the ever-present filth, searing heat and blinding light in which this modern war is waged.

On her journey she encounters children fighting to quench their thirst with contaminated water, a disfigured beggar girl desperate with hunger and an woman writer who speaks only when told to by men.

Loher draws heavily from the influence of the Russian-born American abstract impressionist Mark Rothko who committed suicide in 1970 and whose work often consisted of the darker colours.

What cannot be supplied, of course, are answers. The frustrated artist can only admit "I am stuck and I must go back".

LWW, which was well received in Edinburgh 2009, continues today at the Ustinov.

 

 

Premieres Festival Strasbourg June 2010 

 

 

“Un incroyable solo où une auteure, face à une situation de guerre, cherche comment

exprimer ce à quoi elle est confrontée. (...) Intense, habitée, la partition jouée par

Lucy Ellinson résonne en nous longtemps après le clap de fin”


Thomas Flagel in Poly magazine culturel, n°133, May/June 2010

 

 

 

“La mise en scène de Lydia Ziemke de Land Without Words témoigne d’un incroyable

humanisme. Dans un puissant monologue, la performer Lucy Ellinson n’hésite pas à se

dévoiler et s’oublier elle-même. De manière nouvelle, formes et fonds s’entremêlent

ingénieusement. (...) Entre présence charnelle, violence des mots et art sculptural,

elle nous fait partager sa recherche de la perfection esthétique.”


Laura Adolphe in Mouvement, 8th June 2010

 

 

 

“C’est de Londres que nous vient ce fort travail, qui file reflexion remarquablement incarnée par la comédienne Lucy Ellinson, sur le sens de l’action artistique – peinture, écriture, puissance et impuissance de l’une et l’autre...– quand elle est provoquée à témoigner de l’état de guerre contemporain (...).”


Antoine Wicker in Dernières Nouvelles d’Alsace, 6th June 2010

 

 

Festival Premieres | Strasbourg | Kulturmagazin |

Rezension | Land ohne Worte |Dea Loher | Lydia 

Ziemke | Lucy Ellinson | TNS Strasbourg | European 

Cultural News

 

Die Schriftstellerin Dea Loher unternahm im Jahr 2005 eine Reise durch Afghanistan und verarbeitete ihre 

Erfahrungen und Eindrücke in dem Werk „Land ohne Worte“, im Englischen “Land Without Words”. Anlässlich des 

„Festival premières“ brachte die deutsche Regisseurin Lydia Ziemke dieses Stück auf die Bühne des TNS in 

Straßburg. 

 

Der Monolog gewährt uns Einblick in den emotionalen Zustand und die psychologisch, therapeutische Aufarbeitung 

dieser Reise. Es ist ein „Kriegsbericht“, der an die Nieren geht und das nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden 

schauspielerischen Leistung von Lucy Ellinson, die überzeugend ihre Machtlosigkeit und die emotionale 

Achterbahnfahrt während des Aufenthalts in Kabul darzustellen weiß. 

 

Das Stück beginnt eigentlich mit dem Eingeständnis der absoluten Sprachlosigkeit anlässlich der Gräueltaten und der 

Entsetzlichkeiten, derer sich Loher ausgesetzt sah. Das schlichte Bühnenbild, welches in keiner Weise Bezüge zu 

Afghanistan oder Kabul zeigte, machte deutlich, dass es hier nicht nur die Erlebnisse der Schriftstellerin in 

Afghanistan angesprochen werden sollen, sondern vielmehr die Position von Künstlerinnen und Künstlern während 

eines Krieges, wo auch immer er stattfindet. Welche Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeiten bleiben noch, wenn 

man vor Schaudern, Elend, Angst und Grausamkeit sprachlos ist? Wann ist es einem subjektiv nicht mehr möglich, 

Kunst in welcher Art und Weise auch immer zu produzieren, da der tägliche Kampf ums Überleben zu übermächtig 

wird und die psychische Belastung nicht mehr zu ertragen ist? Dea Loher lässt ihre Figur als Malerin nach 

Afghanistan reisen. Als Malerin, die nach ihrem eigenen Gefühl vor ihrem Kriegstrauma alles malen hätte können, was 

mit Farbe auszudrücken ist. Diese Malerin ringt und kämpft mit ihren Impressionen und es fällt ihr äußerst schwer, 

diese Emotionen auf eine Leinwand zu bringen. Doch angesichts des Krieges bleibt ihre Palette nur mehr braun und 

schwarz – das einst so strahlende Weiß ist darauf nicht mehr zu finden. Immer wieder monologisiert sie über 

Kunsttheorie, um zugleich auch die Verzweiflung und die Abgründe, die sich in ihrem Inneren und auch in ihren 

Erlebnissen in Kabul aufgetan haben, offenzulegen. Bis zum Schluss zweifelt sie an den Möglichkeiten der Kunst, ja 

hadert mit ihr, da die Malerei ihrer Meinung nach tatsächlich nicht fähig ist, sich dem Schmerz, der Gewalt und dem 

Elend auch nur zu nähern.

 

Ellinson schafft es, durch die stringente Regie von Lydia Ziemke, bei den Besucherinnen und Besuchern Betroffenheit 

und auch Nachdenklichkeit auszulösen. Wie sich ihre zu Beginn so makellos weiß entblößte Brust bis zum Schluss hin 

mit Resten von schwarzer Erde verklebt, erzeugt eine extrem anschauliche Metapher, die bildlich macht, wie sehr 

Terror einen Menschen entstellt. Die in dunkles Licht getauchte Bühne, beherbergt nur einen schmalen, hohen Tisch, 

der fast an eine Werkbank erinnert, welcher der Protagonistin auch als Bett dient. Nichts in ihrem persönlichen 

Umfeld strahlt mehr Wärme und Geborgenheit aus, alles Menschliche ist darin verschwunden. Lohers Text bewirkt, 

dass man, angesichts solcher Eindrücke, in den herkömmlichen Kategorien über Kunst und deren Wirkung anders 

nachdenken muss, ja dass man förmlich danach gezwungen ist, sich sowohl über die Kunst als auch deren Produktion 

und Rezeption ein völlig neues oder zumindest modifiziertes Gedankengebäude zurecht zu legen.

 

Nach diesem Stück bleibt keine Chance in ein wohliges, bürgerliches Kunstverständnis zurückzukehren und so zu tun, 

als ob Gewalt, Elend und Hass keine Denkkategorien für uns mehr seien. Wir müssen akzeptieren und hinnehmen, dass 

außerhalb der Grenzen Europas, Elend und Krieg immer noch an der Tagesordnung ist und Kunst – zumindest für die 

Autorin und die Regisseurin – in diesem Umfeld keinen Platz findet. Das Stück endet kein bisschen versöhnlich, was gut ist. 

Eine sperrige, aber zugleich packende Arbeit, die es verdient, auf vielen Bühnen gezeigt und gespielt zu werden. Vielleicht 

sogar in Afghanistan, wenn statt Krieg Kunst in diesem Land wieder Einzug halten kann.

 

Datum der Veröffentlichung: 05 Juni 2010

Verfasser: Michaela Preiner

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