FRANCOIS ABU SALEM
Der französisch-palästinensische Theaterregisseur François Abu Salem ist im Alter von 60 Jahren in Ramallah im Westjordanland gestorben. Wie am Samstagabend aus palästinensischen Sicherheitskreisen verlautete, war die Todesursache zunächst unklar. Deshalb sei sofort eine Untersuchung eingeleitet worden. Eine der von den Sicherheitsbehörden verfolgten Thesen sei ein Selbstmord des Künstlers.
RAMALLAH — Palestinian theater has lost one of its heroes. François Abu Salem, founder of the influential Palestinian National Theatre, was found dead on Sunday near his home in al-Tira, a suburb of Ramallah.The cause of death is still uncertain, though suicide is a likely possibility.
Abu Salem was born in 1951 to a French mother and a Palestinian father. He grew up in an artistic home in East Jerusalem; his father was a poet and his mother a sculptor. Abu Salem attended a Jesuit college in Beirut where he remained until 1968. In 1970, after a brief stint at the Theatre du Soleil in Paris, he began travelling through Europe, working for different acting companies until the mid-seventies when he moved to Jerusalem and began to stage his own, original works.
In 1975, with his then-wife and collaborator Jackie Lubeck, he founded al-Kawati Theater, from whose ashes Abu Salem created what today is popularly considered the most important theatre in Palestine, the Palestinian National Theatre. For his work, Abu Salem received the Palestine Prize for theater from Yasser Arafat in 1998. With his company al-Hakawati, Francois Abu-Salem performed almost everywhere. They toured the Gazan refugee camps as well as theaters of Paris and New York. A mixture of Western contemporary theater and Palestinian folk tradition is what made his productions famous worldwide.
Some critics have compared Abu Salem’s work to Marquez’s magical realism, Berthold Brecht’s expressionism and the Italian Commedia dell’Arte. Other critics, however, saw Abu Salem’s work as a dilution of the Palestinian theatrical tradition. He was often criticized for being overly influenced by Western theater.
“I [was] married for 15 years to François,” Jackie Lubeck, his ex-wife and current director of Theatre Day Productions says. “Together we wrote and produced seven plays and we were able to stage operas hitherto unknown to the Palestinian public, [such as] Mistero Buffo by Dario For and Brecht’s The Exception and The Rule.” During his career Francois surrounded himself with a group of young and passionate collaborators, Lubeck said. “The death of Francois Abu Salem is a great tragedy and a tremendous loss for Palestinian theatre,” Jonatan Stanczk, acting director of Jenin’s Freedom Theatre told The Palestine Monitor. “The Freedom Theatre had the privilege to host Francois Abu Salem and to enjoy his support and encouragement. We will miss him both as a human being and as an extraordinary artist.” “It was not easy to work with him,” admits Kamel el-Basha, the current director of the Palestinian National Theatre. “He was a perfectionist with sudden flashes of brilliance. I was aware of his existential problems, he attempted suicide several times over the past twenty years.
“Unfortunately with his last attempt he has deprived us of one of the most important representatives of Palestinian theater.”
Yesterday, ceremonies were held at al-Kasaba Theatre in Ramallah, the Freedom Theatre in Jenin and the Ashtar Theatre and Palestinian National Theater in Jerusalem. A vigil in memory of the Franch-Palestinian playwright was also organized at the Arab Music Centre in East Jerusalem.
JULIANO MER KHAMIS SHOT DEAD IN JENIN
Our good friend and colleague Juliano Mer Khamis was shot on Monday, the 4th of April, by a masked man in his car outside the Freedom Theatre in Jenin in the northern West Bank. The shock is indescribable - we have lost one of the most important backbones of the theatre in Palestine, and we need to continue the work in his spirit.
http://www.thefreedomtheatre.org
http://www.zenithonline.de/deutsch/kultur/film-theater//article/mit-den-waffen-der-kunst/
http://www.schaubuehne.de/en_EN/house/news/
http://www.schaubuehne.de/de_DE/house/news/
UND
27. Juli and 6. August -
Three members of the Freedom Theatre are arrested by Israeli Security Forces
»Freedom Theatre« in Jenin: Warten auf Rami
Drei Mitglieder des »Freedom Theatre« in Jenin werden aus ungeklärten Gründen verhaftet. Die Kultureinrichtung im Flüchtlingslager hat nach dem Mord an ihrem Gründer auch so genug Probleme.
von Lydia Ziemke
3.30 am Morgen, die Mitarbeiter des »Freedom Theatre« im Flüchtlingslager von Jenin werden von Lärm geweckt: es klingt, als würden Steine geworfen. Vor den Theatergebäuden sehen sie sich vermummten und schwer bewaffneten israelischen Soldaten gegenüber. Sie werden gezwungen, in der Hocke auszuharren, einer der Theaterleute muss sich ganz ausziehen. Sie versuchen zu erklären, dass es sich beim »Freedom Theatre« um eine kulturelle Einrichtung handelt – vergeblich. Als Reaktion kommen lediglich Schreie und Drohungen. Schließlich werden Adnan Naghnaghiye, der technische Leiter, und Bilaal Saadi, Mitglied des Beirates, festgenommen und abgeführt, ohne dass ihnen oder den Theaterangestellten gesagt wird, wohin oder warum.
Das war am 27. Juli. Seitdem ist jeder Kontakt zu den Gefangenen untersagt und ihr Aufenthaltsort bleibt geheim – auch für ihre Anwälte, die immer wieder hingehalten werden. Zusagen für Zugang zu ihren Mandanten, so etwa für den 5. August, werden – ohne Begründung – abgesagt.
Am 6. August folgt eine weitere Festnahme. Rami Hwayel studiert im dritten Jahr an der Schauspielschule des »Freedom Theatre«. Seit Frühling 2010 war ich als Regisseurin mehrfach Gast am Freedom Theatre, unter anderem um den Studenten Leben, Werk und Lehre von Bertold Brecht nahezubringen. Rami war besonders begeistert davon, dass man mit Theater das Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch mobilisieren könnte. Im Moment arbeiten die Studenten in Ramallah, und nicht in Jenin, da ihr Projekt kontrovers und ihr Regisseur Amerikaner ist. Zurzeit arbeiten sie an Samuel Becketts »Warten auf Godot«, Rami übernimmt dabei die Rolle des Pozzo.
Anwälte erhalten keinen Zugang zu den verhafteten Theaterleuten
Auf ihrem Weg von Ramallah ins nördlich gelegene Jenin, wo er seine Familie zum Beginn des Ramadan sehen wollte, wurde das Auto mit mehreren Studenten am »Shave Shomeron« Checkpoint nahe Nablus angehalten und kontrolliert. Als Rami seine Papiere reichte, wurde er aus dem Wagen geholt. Nach Aussagen seiner Schauspielkollegen wurden ihm sofort die Augen verbunden und Handschellen angelegt. Anschließend wurde er in einem Armeefahrzeug weggebracht. Auch Rami wird bisher jeder Kontakt zur Außenwelt und zu seinem Anwalt verwehrt. Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass alle Verhafteten im Jalame-Gefängnis, nördlich von Jenin, inhaftiert sind. Die Menschen in Jenin sagen, es sei ein brutaler Ort. Darüber hinaus berichtet das »Freedom Theatre« auf seiner Homepage, dass das israelische Militär eine so genannte »Gag Order«, also ein Berichterstattungverbot in Israel, über die Verhaftung erlassen habe.
Es ist ein weiterer schwerer Schlag für das Theater. Nach dem gewaltsamen Tod des Begründers und Leiters Juliano Mer Khamis Anfang April ist die Einrichtung noch immer auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Engagement und Teamarbeit solch unterschiedlicher Menschen unter solch schwierigen Bedingungen wurden nicht unwesentlich vom Charisma des Sohnes einer jüdischen Mutter und eines christlich-arabischen Vaters getragen. Mer-Khamis` schwedischer Kollege Jonatan Stanczak und mehrere langjährige Mitarbeiter aus dem westlichen Ausland treten nun zusammen mit den Mitarbeitern vor Ort ein schweres Erbe an.
Aber eben das ist für die engagierten Theaterleute ein weiteres Problem nach sich ziehen. Denn im Prinzip ist man sich beim »Freedom Theatre« einig, dass die neue Führung von Einheimischen übernommen werden muss, die vor allem aber mit den Bewohnern des Flüchtlingslagers, in das die Kultureinrichtung eingebettet ist, in engem Kontakt stehen. In den Wochen nach der Ermordung von Mer-Khamis tauchten in der Moschee des Lagers immer wieder Drohungen gegen Ausländer auf; einige Mitarbeiter und Freunde des Theaters, auch Einheimische, haben daraufhin Jenin verlassen, oder trauen sich nicht zurück. Auch das »Cinema Jenin« hat letztendlich dem Druck nachgegeben und seine unter anderen deutsche Mitarbeiter abgezogen – es hatte seit der Eröffnung im August letzten Jahres Misstrauen und Attacken gegeben, bis April konnte das Vertrauen der Bewohner nicht gewonnen werden.
Neues Vertrauen im Lager schaffen
Das diese Drohungen im direkten Zusammenhang mit dem Mord an Mer-Khamis stehen, glaubt niemand. Vielmehr benützten die Kritiker des Theaters das Ereignis für sich. Es sind Menschen, die aus religiösen Gründen die Kunstform Theater ablehnen und kritisieren, dass Mädchen gemeinsam mit Jungen auf der Bühne stehen, sich dabei körperlich berühren und laut ihre Gefühle und Meinungen herrausschreien. Für viele im Flüchtlingslager von Jenin, das bereits seit 1948 besteht, ist Religion der einzige Halt in ihrem Leben geblieben und deshalb eine harte Schale, die Mer Khamis und das »Freedom Theatre« langsam aufweichen wollten – und das in vielen Fällen auch geschafft haben.
Auch Adnan Naghnaghiye ist sehr religiös und stellt eine Art Brücke dar zwischen den Einwohnern im Lager und dem Theater mit seinen vielen ausländischen Besuchern. Er ist von Anfang an ein integraler Bestandteil des Theaters, hat sein Haus als Gästehaus und für Büroräume des Theaters zur Verfügung gestellt. Als wir zu Besuch waren, hat er jeden Tag aufgepasst, uns ermahnt, draußen nichts zu tun, was von den Nachbarn im Lager als anstößig oder respektlos hätte verstanden werden können.
Das Theater wird weiter existieren, wenngleich zunächst die Neustrukturierung eine starke Basis mit klarem Profil herbeibringen muß. Die Mitarbeiter werden dann wieder die Menschen im Lager aufsuchen, und weiter versuchen, sie langsam wieder vom Wert des Theaters – für ihre Kinder und für die Gemeinschaft – zu überzeugen. Derweil touren die Studenten international: der erste Jahrgang in Frankreich, Deutschland und Österreich, und, wenn sich die Dinge um Rami bald klären, der dritte Jahrgang durch die USA. Jetzt bezieht sich das quälende Warten bei Beckett nicht nur auf eine Linderung der Zustände in Jenin und ganz Palästina, sondern immer noch auf die Aufklärung des Mordes an Mer Khamis und jetzt auch auf jegliche Neuigkeiten von Adnan, Bilaal und Rami.
Infobox:
Anfang September beginnt die zweite lange Deutschland/Österreich-Tour des »Freedom Theatre« – der erste Jahrgang kommt mit seiner Premieren-Produktion »Sho Khman – Was noch?« auf Einladung der »Kinder-Kultur-Karawane«. In Berlin sind sie vom 24.-27. September an der Schaubühne zu Gast. Weitere Informationen unter: www.schaubuehne.de / www.kinderkulturkarawane.de / www.thefreedomtheatre.org
